Written words

(Essay in english below)

 

Zum Seminar „Sensory Scapes – Zur Politik der Oberfläche“ mit Sophia Prinz
Essay: Bewegt Malerei im digitalen Raum die Seele?
Für dieses Essay im Rahmen des Seminars möchte ich zwei Themen verknüpfen, die mich beschäftigen. Zum einen stelle ich mir im Bezug auf das aktuelle Zeitgeschehen, sprich den Corona Lockdown, der jetzt hinter uns liegt und die damit geförderte Digitalisierung die Frage, in wieweit sich Malerei in der digitalen Welt abbilden lässt. Geht etwas verloren beim Betrachten des Gemäldes in seiner reproduzierten Form? In wie weit kann es den Betrachter noch berühren?
Zum anderen habe ich mich mit dem Text „De Anima“ von Aristoteles beschäftigt und Bezüge zum Seminarthema und der oben gestellten Frage hergestellt. Der Text stellt eine naturphilosophische Abhandlung zur Definition der Seele dar. Anhand von Aristoteles Definitionen möchte ich meine Thesen zur Beantwortung der Frage, bewegt Malerei im digitalen Raum die Seele, beantworten.
Laut Aristoteles gibt es verschiedene Definitionen der Seele. Auffällig ist aber, dass Wahrnehmung für ihre Bestimmung immer eine Rolle spielt, sowie Bewegung. Er zitiert historische Definitionen von Diogenes, Heraklit und Alkmaion und kommt zu dem Schluss, „sozusagen alle definieren also die Seele durch dreierlei, durch Bewegung, Wahrnehmung und Unkörperlichkeit.“ (S.23, „De anima“, Reclam) An andere Stelle sagt er „(…) die Seele ist das, was sich selbst bewegt und imstande ist zu bewegen(…)“(S.25) und außerdem „Am ehesten könnte man sagen, die Seele wird, wenn sie sich bewegt, von Wahrnehmungsgegenständen bewegt.“ (S.29) Aristoteles sieht also immer eine Verbindung von Seele und Wahrnehmung und stellt die Behauptung auf, die Seele definiere sich durch Wahrnehmung. Das Bewegen verstehe ich als Berühren und die Seele in Schwingung versetzen, auch als Voraussetzung von Lebendigkeit. An anderer Stelle nämlich definiert er ein Tier als „das Wahrnehmende“. „Denn auch das, was sich nicht bewegt und seinen Ort nicht ändert, wohl aber Wahrnehmung besitzt, nennen wir ein Tier.“ (S.65) Aristoteles analysiert die verschiedenen Sinne, so wie es auch Georg Simmel in „Exkurs über die Soziologie der Sinne“ tut und ordnet sie ebenfalls hierarchisch ein. So sagt er z.B. mit „Da aber das Sehen die wichtigste Wahrnehmung ist, (…)“, dass der Sehsinn an oberster Stelle steht. An anderer Stelle bringt er die Gefühle in Spiel und offenbart eine Weltsicht vor dem dualistischen Gedanken einer Körper-, Seele- und Geist-Trennung. „Es scheint so, dass die Seele das meiste nicht ohne den Körper erleidet oder tut, wie z.B. zürnen, mutig sein, begehren oder kurz gesagt wahrnehmen. Am ehesten scheint noch das Denken nur der Seele anzugehören.“ (S.11) Merleau Ponty stellt in seinen Causarien Verwandtes fest: „Jedoch später, wenn ich darüber nachdenke, was Wut eigentlich sei, und bemerke, dass sie ein bestimmtes (negatives) Urteil über den anderen einschließt, folgere ich hieraus, dass Wut letztendlich ein Gedanke ist, und dass wütend sein heißt zu denken(…) (S.41, Causarien)
Mich fasziniert die Verbindung von Wahrnehmen, Körper und Seele und wie diese Überlegungen in den verschiedenen Jahrzehnten und geisteswissenschaftlichen Disziplinen analysiert werden. Für meine eingangs gestellte Frage, inwiefern es also möglich ist, Malerei im digitalen Raum zu erleben möchte ich anhand der verschiedenen aufgeführten Definitionen behaupten, dass es schwierig bis nicht möglich ist, Malerei digital auf die selbe Art zu erleben, wie wenn man dem Gemälde in der physischen Welt begegnet. Im Ausstellungsraum begegne ich einem Objekt, das einen Geruch hat, was eine haptische Struktur hat, was mich triggert berührt zu werden, dessen Farbwirkung zum Teil körperliche Reaktionen hervorrufen kann. Kurz gesagt spricht Malerei in der physischen Welt immer mehr Sinne auf einmal an. Auch wenn es der Sehsinn ist, der natürlich in der visuellen Kunst im Vordergrund steht, so ist die Erfahrung der Betrachtung von Kunst aber immer eine mit dem ganzen Körper. Eine multisensoriche Erfahrung. Auch eine Nahaufnahme oder eine Kamerafahrt auf der Leinwand um Pinselstrich und Duktus oder Farbewirkung zu erfassen können das Erlebnis, welches man in der unmittelbaren Begegnung mit dem Kunstwerk hat, nicht ersetzten. Kunst bewegt und erzeugt Gefühle, es versetzt die Seele in Schwingung, doch hauptsächlich in der physischen Welt, durch Begegnung. Ist das nicht gegeben, verliert die Kunst ihre ganze Funktion und ihren Wert, das was sie ausmacht. Sobald Malerei auf einem Bildschirm reproduziert wird, erhalte ich etwas anderes. Ich kann immer nur eine glatte Fläche anschauen, den digitalen Bildschirm. Er ist immer glatt, eindimensional und nicht vielschichtiger haptisch erfahrbar. Höchstens eine visuelle Illusion von Haptik kann erzeugt werden. Zum Teil kann diese Täuschung vielleicht sehr gut sein, das reale Erlebnis aber nie ersetzen. Gerade für Malerei ist es deshalb unerlässlich, das kann ich nur nochmal wiederholen, dem Gemälde direkt zu begegnen, da Malerei „keine Nachahmung der Welt, sondern eine Welt für sich,“ (S.94, Causarien) ist. Eine Welt, die aus der Bewegung der Seele heraus entsteht und die Seele bewegen kann. (frei nach Aristoteles) Durch ihre direkte Wahrnehmung, die nur in der Begegnung vollkommen in ihrer Vielschichtigkeit erfahrbar ist. Im digitalen Raum büßt sie an Lebendigkeit ein.

 


 

 

Kind ihrer Zeit. Mutter der Zukunft.

Oder: Warum ich heute unbedingt malen will und vor allem was.

Ein Essay mit Antworten aus Kandinskys „über das Geistige in der Kunst“, Hartmut Rosas „Beschleunigung und Entfremdung“ und Schopenhauers „die Welt als Wille und Vorstellung“.

Wenn ich mich heutzutage an der Kunsthochschule umschaue, dann frage ich mich besorgt: was ist mit der Malerei los? Mir fallen spontan diverse Gründe ein, warum ich die ersehnte, geliebte, erhoffte und erwünschte Malerei mit Schrecken vermisse und vergebens suche.

„Keine Zeit!“

Ich glaube es könnte ein Grund sein. Wahrscheinlich, so vermute ich, einer der am weitesten verbreitet ist sogar, denn ein gut gemaltes Bild erfordert Zeit. Der rasende Stillstand* überholt die potenzielle zeitgenössische Malergeneration. Sie beginnt gar nicht erst mit der Malerei, denn wann soll sie es tun, wenn die Gegenwart, in der Malerei stattfindet, schrumpft. Dem „Philosophen Hermann Lübbe (…) zufolge, (erfahren) westliche Gesellschaften eine anhaltende Schrumpfung der Gegenwart, (…) die die Folge beschleunigter kultureller und gesellschaftlicher Innovationsraten ist,“* sowie verstärkter Vernetzung.

„Kann schon sein.“

Was auch sein kann, das nun das vielbeschworene „Ende der Malerei“ klamm heimlich doch noch um die Ecke kam. Was mit Ad Reinhardts „Black Paintings“ Ende der Siebziger Jahre begonnen hat, setzt sich nun in realer Leere und Abwesenheit fort. Wohl eher nicht.

„Die Digitalisierung ist Schuld!“

Der Computer, die K.I. malt jetzt das Bild? Oder wie? Unfug! Sage ich, denn daran glaube ich nicht. Genauer und weniger impulsiv gesagt: daran will ich nicht glauben. An dieser Stelle möchte ich den Willen ins Spiel bringen, mit dem ich mich bei meiner Lektüre von A. Schopenhauers Hauptwerk, genauer seiner Erkenntnisstheorie, zuletzt länger beschäftigte und diese zur Beantwortung und Frage nach dem: „was will ich und was wollen wir heute malen“ heranziehe. Denn das ist die Frage, die auch eigentlich interessant ist und das warum schon mit einschließt. Die Antwort auf die Frage nach dem warum ist nämlich folglich schnell serviert: weil ich will.

„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“

Sagte schon meine Mutter. Und vor ihr meine Oma. Gute Sprüche, die kleinen Weisheiten aus dem Alltag halten sich, denn in ihnen liegt eine Essenz. Über den Willen lässt sich weiter sagen, dass dieser die Realität bildet. Somit ist er machtvoll. Er bildet die Gegenwart und die Zukunft, er bildet die Welt. „(…) Denn diese (die Welt) ist, wie einerseits durch und durch Vorstellung, so andererseits durch und durch Wille.“** Ich, die Erkennde, nie Erkannte (sinngemäß nach A. Schopenhauer), bin die Bedingung aller Objekte, für alles „was nur immer daist“** Da nach A. Schopenhauer alles was ist, durch den Willen bedingt ist, ohne den es nicht sein kann, lässt sich diesem gegenüber die reine Sinnlichkeit Kants stellen. Gern möchte ich hier den Bogen zur Malerei zurück und zu Kandinskys Aussagen „Über das Geistige in der Kunst“ spannen, welcher ausdrücklich vor einer Sinnentleerung, oder auch mit Kants Worten beschrieben, der reinen Sinnlichkeit in der Kunst warnt und damit die Frage nach dem was einführt: „Das was in der Kunst fällt eo ipso aus. Nur die Frage, wie derselbe körperliche Gegenstand zum Künstler wiedergegeben wird, bleibt allein da. Die Frage wird zum „credo“. Die Kunst ist entseelt.“***(S.32) An anderer Stelle schreibt er: „Die Kunst, die keine Potenzen der Zukunft in sich birgt, die also nur das Kind der Zeit ist und nie zur Mutter der Zukunft heranwachsen wird, ist eine kastrierte Kunst.“***(S.26) Hier beschreibt Kandinsky die zwei für ihn wesentlichen Bedrohungen der Kunst, zum einen ihre Erscheinung zum bloßen Selbsterhalt, die sich selbst zum Inhalt hat, Kunst für die Kunst, und die Gefahr, dass sie Symptom der Zeit, nicht aber eine für sie essenzielle „weckende prophetische Kraft, die weit und tief wirken kann,“*** beinhaltet.

Warum ich es also als absolute Selbstverständlichkeit ansehe, heute an der Kunsthochschule und in dieser Zeit zu malen, warum ich malen will, liegt einzig und allein an meinem Willen zum Malen selbst, gepaart mit der Zuversicht, an einer Kunst zu arbeiten, die „zu weiteren Bildungen fähig (ist)“, in „ihrer geistigen Periode wurzelt“ und „zur selben Zeit nicht nur Echo der selben und Spiegel“*** ist, sondern etwas Zukünftiges in sich trägt, was aber eben auch Bedeuten kann, dass „die Ähnlichkeit der inneren Stimmung einer ganzen Periode (…) logischer Weise zur Anwendung der Formen führen, die erfolgreich in einer vergangenen Periode denselben Bestrebungen dienten.“***(S.21) In diesem Fall eben die Malerei. Die deutsche Autorin Juli Zeh sagte neulich in einem Fernsehinterview zu ihrem neuen dystopischen Roman „leere Herzen“, der eher dem konservativen Lager zugeordnete Tätigkeit des Bewahrens sehe sie als eine wichtige Aufgabe unserer Zeit an. Die gerade zur brandenburgischen Verfassungsrichterin ernannte Anwältin und Autorin sprach mir damit aus der Seele. Das Bewahren, was die Malerei für mich beinhaltet, sehe ich als progressive und konserative Tätigkeit zugleich an, vor dem Hintergrund zum Bespiel eines rasenden Stillstandes, sogar als essenziell. Bewahren der Malerei selbst und vielleicht auch Wiederbeleben vergangener Epochen (des Impressionismus, der Romantik, des Fauvismus…), die nicht abgeschnitten von uns existieren, sondern geistige Wegbereiter und Vorreiter sind. Geschichte wiederholt sich, sie verläuft zyklisch.

Kandinsky geht als Beispiel auf den Impressionismus ein, der mich, was ersichtlich wird, betrachtet man meine Malereien, schon seit langem inspiriert. An dieser Stelle stehe ich ihm sehr nahe. Ich möchte aber mir einem Zitat von mir selber schließen, dass ich vor über einem Jahr in einem Bewerbungsschreiben zur Frage: „warum musst du malen?“ anbrachte und was auch hier sehr gut passt. Das Wort musst will ich natürlich durch das Wort wollen bzw. mögen ersetzen. „Ich möchte dieser immer technischer werdenden Welt Sinnlichkeit entgegen setzten“ und mit David Hoppers Worten gesagt: „If i could say it in words, there would be no reason to paint.“

Nina Bruchhaus (Juli 2019)


*Hartmut Rosa, „Beschleunigung und Entfremdung“, „Entwurf einer Kritischen Theorie
spätmoderner Zeitlichkeit“, Suhrkamp, 1. Aufl. 2013, Berlin
**Arthur Schopenhauer, „Die Welt als Wille und Vorstellung“, Band 1, Reclam, Fassung von 1987,
Leipzig
***Kandinsky, „Über das Geisige in der Kunst“, Benteli Verlag, 8. Auflg. von 1965, Bern

 

 

Essay: I feel much more grounded on a shaking ground. – Human, Painting and Nature.

“I want to escape from an overstimulation of my senses in the big city”, I wrote in my statement of purpose* one year ago. “I want to get in touch with a barren landscape and Iceland’s originality”.
“Every day I am affected by a manmade world. I am what I see, experience and believe in.” I asked myself how much a change of location would affect my way of thinking and my artistic work. At the same time the question came up: “How much is my imagination of Iceland as a place of desire in the end a romanticizing?” After five weeks in Iceland it is impossible for me to answer this questions. But while I was painting myself in different landscapes, which became my only motive within the last weeks, I started to think about the relationship between human, painting and nature. This essay will be a theoretical examination. It is an approach to an answer.

“Everything comes to us from nature”, Cézanne says in Maurice Merleau-Pontys Essay “Cézanne´s Doubt” from 1945. “We exist through it; nothing else is worth remembering.” Merleau-Ponty comprehends Cézanne´s phenomenological way of painting and seeing. Cézanne wants to make art and nature the same thing. Or rather: to him it even is the same. To my mind, this quote has a strong existentialistic undertone, which reminds me of a statement I recently read by Francis Bacon. He says: “We live and we die and in the meantime we have to do something.” This awareness of mortality he has, creates a huge contrast to most of the western societies way of thinking. We repress our mortality and at the same time we repress ourselves through it. We repress nature. This fact creates a perverted reality, which cannot be true. Cézanne on the other hand, who wants to “germinate with the countryside”, has a refreshing point of view to me than.
Furthermore he says that “The landscape thinks itself in me. And I am its consciousness.” Through painting Cézanne literally becomes a part of the landscape. I now about this meditative effect that painting can provoke. When you are entirely in the present you can feel as if you were one with your surrounding. When you paint something you are looking at, your brain becomes a filter. There is a direct way from the object via your hand trough your brain on the canvas. But “art is a process of expression not imitation”, says Cézanne. “Something manufactured according to the wishes of instinct.” It is absurd that painters want to be understood and to express themselves at the same time.
Also in the age of the Romantics I could find a strong connection to nature. In their days most followers of this tendency were called egoists with unworldly ideas. According to me this is sad because I think their way of thinking was actually futuristic especially when you consider the fact that we are right now living in a time where the humankind has almost destroyed the planet because of its loss of contact to nature.

“What I believe in, I create by myself”, do the Romantics say. They dedicate themselves to the emotion and the emotion is not rational. As part of the industrial revolution the human existence became “engineered”. Because of an expected loss of emotions, they want to keep the mysticism and the magic in the world. The Romantics believe in a bigger context or sense.
At the same time the German Idealists like Hegel, Kant and Schelling write about similar thoughts in their philosophical texts. Hegel´s theory is about the reality as a process. He develops his thesis with the help of the “Dialektik”. It is a way of thinking which is equal to the phenomenological mindset of Cézanne and Merleau-Ponty. It is about the understanding “what we see is what we think”, which Hegel names “free thinking.” Everything life contains exists within a process. Life itself is a process and the reality as well. As an example he takes the growth of a plant from the seed to the flower to the fruit. Or when you think of life, which includes birth, life and death. Everything exists always within and only through a process. Life contains contradictions and as a conclusion it cannot be only logical. The logical way of thinking is inflexible and builds the opposite of the “free thinking” Hegel is talking about. “Because nature always develops within contradictions thinking must work in the same way.” Through comparing thinking with the processes he sees in nature he comes to his theory, which makes a lot of sense to me.
For me painting is also process based. A painting is always part of a bigger process and shows a process itself. That is the reason why painting is such a lively and dynamic medium. Painting itself can be seen as a metaphor of life. At the same time it is very sensual. I would like to give this rational world something sensual in return when I paint. And in the end painting is “thinking through making”, which makes a philosophical and even political work out of it as well.

 

Nina Bruchhaus (February 2018)**


*  „statement of purpose“: for Erasmus+, the european exchange student organisation

** written in context of the exhibition „Háflóð“, Listáhaskóli Reykjavík

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